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Zu Besuch im Märchenland
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Jana Hensel: Zonenkinder
176 Seiten,
mehrere Abb.
Rowohlt Verlag
ISBN 3-498-02972-X
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Die typografische Ausführung des Buch-Covers auf Edel-Packpapier
scheint eine klare Ansage zu sein, doch der Versuch, elf Lettern
in drei Spalten anzuordnen wirkt etwas unbedarft. Im Inhalt findet
man einige vom Text umflossene Bilder in Wandzeitungsmanier. Beides
steht in auffälligem Missverhältnis zum klassisch selten
korrekten Satzspiegel und dem bibliophil anmutenden Lesebändchen.
Autorin Jana Hensel wähnt sich einer Generation zugehörig,
die sie „Zonenkinder“ nennt. Gemeint sind ein paar Jahrgänge
der mitte der siebziger Jahre Geborenen, die ihre Kindheit in der
DDR verbrachten, jedoch Pubertät und prägende Jugenderfahrungen
im Nachwende-Ostdeutschland durchlebten. Das einzige, was die „Zonenkinder“
mit vielen älteren Ostdeutschen verbindet, ist die DDR-Kindheit.
Doch sie wurden nie „gelernte DDR-Bürger“, gehören
nicht mehr dazu.
Die Erinnerungen an die eigene Kindheit sind auf ewig mit den Erinnerungen
an die statische späte DDR verschmolzen, und so entsteht ein
wahres, wenngleich argloses Bild der DDR: Die Autorin schildert
gut nachvollziehbar einen betulichen DDR-Kinderalltag, erzählt
von Milchdienst und Essengeldkassierern, Ferienlager und Altstoffsammlung.
Natürlich kommen Stasi oder Wehrkreiskommando nicht vor im
Märchenland dieser Kindheit.
Unnötigerweise bedient sich Jana Hensel zahlreicher konstruierter
Klischees, die sie häufig mit dem Adverb „stets“
zu verabsolutieren sucht, etwa „Die Küchen in den Neubauwohnungen
waren stets ohne Fenster...“ – das mag vielleicht auf
ein paar Blocks in Markkleeberg zutreffen, blieb aber bei Millionen
Neubauten die Ausnahme. Als westdeutscher Leser ohne Vorkenntnisse
könnte man leicht ein falsches DDR-Bild bekommen bzw. findet
dieses bestätigt, immerhin wurden diese Generalisierungen in
den Feuillitons der „Westpresse“ kaum moniert.
Ferner präsentiert Jana Hensel Gedächtnislücken,
die trotz des halbwegs dokumentarischen Ansatzes des Buches nicht
geschlossen wurden, wie „Die Bedeutung der Zipfel des Halstuchs
habe ich vergessen...“. Auch mehrere sachliche Fehler sind
enthalten; so wird Jenny Marx, geb. von Westfalen, dem Leser als
Tochter von Karl Marx verkauft – derlei Patzer sind jedoch
eher dem Lektorat des Rowohlt-Verlages zuzurechnen.
Jana Hensel gelangt zu ihren Ansichten, indem sie Beobachtungen
ihrer selbst und aus ihrem Umfeld hochrechnet. Sie wechselt zwischen
„ich“ und „wir“ und spaltet ihre Leserschaft:
Während die Ich-Erzählerin ein breites Publikum anspricht,
wird die Wir-Erzählerin nur wenig Zustimmung finden. In fast
ungerechter Härte distanziert sie sich von ganzen Gruppen ihrer
Leser, verscherzt es sich mit Lehrern, die sie als verunsichert
erlebt hat zu Feinden erklärt, und Eltern, die nach der Wende
„mit sich selbst beschäftigt“ waren und eben mal
als peinliche Wendeverlierer vorgeführt werden. Die heute Mitte-Dreißig-Jährigen
privatisieren und sind sowieso mega-out.
„Wir sind die ersten Wessis aus Ostdeutschland“ verkündet
Jana Hensel das Motto ihrer Generation und schildert detailreich
ihre Bemühungen, sich unter gleichaltrigen Westdeutschen nicht
als Ossi hervorzutun, für eine Sächsin zugegebenermaßen
keine leichte Aufgabe. Man mag wohl verstehen, dass die vernachlässigte
Jugend im Nachwende-Vakuum ohne Vorbilder und ohne etabliertes Wertesystem
auskommen musste und nach Orientierung heischte. Dass aber nun bedingungslose
Anpassung der einzige Weg sein soll – dafür sind die
selbstbewußten Aktivististen von ’89 wohl kaum auf die
Straße gegangen, zumindest nicht jene, die eine Alternative
suchten. Bleibt zu hoffen, dass andere aus Hensels Generation mehr
Selbstbewusstsein an den Tag legen.
Der Titel „Zonenkinder“ spielt zwar auf den in der DDR
kaum gebräuchlichen Begriff der Zone im Sinne der SBZ an, meint
aber den „hässlichen“ Nachwendeosten als „leeren
Raum“, der nur noch „Trümmer“ einer Heimat
enthält, einer Zone eben. Die freche Begriffsumdeutung dürfte
viele Ostdeutsche vor den Kopf stoßen. Die „Zonenkinder“
indes geben klare Signale Richtung Westen: Wir können nichts
für unsere Kindheit, wir waren nicht in der Partei, wir sind
anders als alten Nörgel-Ossis, „Wir sind kein Störfaktor
mehr“ (Jana Hensel im Interview).
Und so leistet dieses Buch seinen Beitrag zur deutschen Einheit:
Dank hoher Auflage bringt es frischen Wind in die Diskussionen zwischen
Ost und West sowie Ost und Ost. Durch seine übertriebene Verallgemeinerung
fordert es zu einer differenzierteren Betrachtung geradezu heraus.
Ostdeutsche Leser können ihr Ossitum auf dem Prüfstand
sehen und neu bewerten; westdeutsche Leser könnten hingegen
zur Einsicht gelangen, dass im Osten „doch nicht alles schlecht“
ist.
| P.S. Zu Gast
in der „Harald-Schmidt-Show“ erklärte Jana
Hensel dem verblüfften Late-Talker, der vermeinte, eine
aufstrebende Erfolgstautorin vor sich zu haben, dass sie sich
gar nicht als Schriftstellerin sieht und auch kein weiteres
Buch plant. / Einen wichtigen Gedanken des Buches, wonach
DDR-Kinder im Unterschied zu ihren westlichen Altersgenossen
nicht mehr die Orte ihrer Kindheit aufsuchen können,
da diese kurzerhand wegsaniert wurden, parierte Schmidt mit
einem „Moment – wenn ich heute nach Nürtingen
komme...“ Tja. |
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