| Reiner Kunze
ist ein Meister der präzisen Miniatur: Allein der Titel „Die
großen Spaziergänge“ ist für den Genießer
ein vollendeter Vers. Wenige schlichte Worte genügen dem Dichter,
um Bilder wie „Pfarrhaus“ oder „Mitternacht vorüber“
in ihrem großen Beziehungsreichtum zu erschaffen und aphrodistisch
auf den Punkt zu bringen. Poesie ist in allem, und Kunze hat den
Blick und die Worte, sie zu zeigen. Behutsam, deutlich, lakonisch.
Geboren 1933, war ihm die Poesie wohl ein sicheres Gelass in einem
nicht einfachen Dichterleben: Dem frühen Optimismus („Die
Zukunft sitzt am Tische“, 1955) folgen die politische verhinderte
Promotion, Arbeit als Hilfsschlosser, SED-Austritt, eingeschränkte
Publikationsmöglichkeiten, Ausschluss aus dem Schriftstellerverband
— bis er 1977 in die Bundesrepublik übersiedelt. Ein
Jahr zuvor demütigen die „Vertreter der Macht“
den Dichter auf besondere Weise: Die DDR-Ausgabe seines Kinderbuches
„Der Löwe Leopold“ wird eingestampft. Ein makaberer
Akt, dennoch ein poetisches Bild in aller Deutlichkeit, geschrieben
vom Leben.
Inzwischen zählt Reiner Kunze zu den wichtigen deutschen Dichtern.
Seine Lyrik ist in mehr als dreißig Sprachen übersetzt,
und große Preisverleihungen sind fester Bestandteil seines
Lebens.
Die 62 Stücke des vorliegenden Hörbuchs stammen aus den
Bänden „Sensible wege“ (1969), „Zimmerlautstärke“
(1972), „Auf eigene hoffnung“ (1981), „Eines jeden
einziges leben“ (1986) sowie „Ein tag auf dieser erde“
(1998). Mit diesen Gedichten aus vierzig Jahren unternimmt Reiner
Kunze eine Werkschau, bei der die Kontinuität des ungetrübten
poetischen Blickes über Jahrzehnte hinweg besonders imponiert.
Er trägt seine Verse selbst vor und schafft durch ruhige Modulation
der Stimme einen angenehm gleichmäßigen Fond. Die Gedichte
dieses Hörbuchs stellen an den Rezipienten keine überzogenen
Anforderungen: Wer etwas Muße mitbringt, den erwartet ein
geistreiches und meditatives Hörerlebnis.
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